Jo!
Aha! Aha!
Vic Vaising!

CortisonRap 2016!

Or!
Year! ((Dschieäh!))

(An dieser Stelle dicken Beat imaginieren! Etwa so: DunngDunnng-Duuuuuung tztztztztztztztz – Dunng-Dunng-Duuuuuuung WakkaWakkaWakkaWakka – DunngDunnng-Duuuuuung WakkaWakkaWakkaWakka – uzz! uzz! Uzz! UZZ! )

Dreiiii, zwooooo, eeeiiins, FLOoouuuw

Morgen schlaf ich, aber wirklich
Heut muss ich noch denken
Zu viel woll’n, zu viel verstehen
viel zu viel im Hirn versenken

Morgen geh ich eher pennen
Ich muss regenerieren
Hätte ich nicht diesen Scheiß gelesen
Würd ich mich jetzt schon renovieren 

Morgen schlaf ich richtig aus
Is schließlich Wochenende
Nee, ich geh heut nich mehr raus
Und Ende im Gelände

Morgen schlafe ich mal fett
8 hours, Alte, Minimum
Beweg mich nicht aus meinem Bett
vor nem krassen Traum-Delirium 

Morgen guck ich nicht bis 6
Binge-Watching ist die Hölle
Halt die Fresse, „selber schuld“
Hilft mir jetzt auch nich, auf die Schnelle

Morgen lass ich’s Smartphone aus
Das Blaulicht ist so schädlich
Hatten se letztens bei HuffingtonPost
Und W-LAN-Strahlen sind tödlich

Morgen ist der Traumzug mein
Da bin ich mir ganz sicher
Will endlich ausgeschlafen sein
Einfach n kleines bisschen fresher

((Memo an mich selbst: Hier geile Coop möglich! Mega-fast Rap-Part, Alter! Am liebsten  natürlich Sookee! Maybe auch Olli Schulz und Böhmermann? Wenn die nicht können, mal Peter Fox anhauen. Zur Not gehen auch Incredible Herrengedeck und/oder Fuck Hornisschen Orchestra. (Die können aber gar nich wirklich Rappen! Also echt nur wenn’s sein muss.) Notnagel: Protokumpel.))

Und dann kommt wieder fest und flauschig und Taylor und Swift und Daddy und Licious Und Katzenpornos und Kindervideos und alles was so derbe hip is

Nur noch dieses nächste Vid
und nur noch dieser eine Clip
und nur noch noch dieses nächste Lied
und nur noch dieser heiße Shit
Ein Like, ein Care, ein tweet, ein Share
ein Pic, ein Post, ein Claim, ein Rhyme,
Selfie, FoodPorn, ClickBite-Headline

Läuft bei dir?
Was geht’n gerade?
Hast du News? Oder ne Frage?
Deine Tage? Ne krasse Visage?
Mach ne Ansage!

I’m gonna SHARE IT! (Uhhhh!)
SHARE IT! (Ahhhh!)
SHARE IT! (Wuaaauaaaah)
SHARE IIIIIIIT! (Noooow!)

Datenkrake, AluHut
Chemtrails, nix wird wieder gut
IceBucket, TTIP, Zahnpasta
Emoticons gehn immer klar

Dein Ernst? For Real? Digga, Ahnma!

((Zwischenspiel mit Theremin!))

((Refrain mit Gewandhaus Kinderchor))

Sleeeeheeeepless
Sleeeeepless in 2016
Sleeeeheeeepless
Sleepless in Leipzig, Hamburg und Berlin

Sleeeeeheeeepless
Sleeeeeepless 2016
Sleheeeeeepless
Sleeeeeeepless, totally inbetweeeeen

(Ausfaden! Unbedingt! Ausfaden!!!)

(Vielleicht kann Olli am Ende noch was Doofes sagen.)

Von meinem iPhone gesendet

Ich stehe – wippe – auf meinem Trampolin und bewege langsam die Arme dazu. Auf und ab. Auf. Und ab. Dabei schaue ich aus dem Fenster, in den Händen meine beiden Fernbedienungen für die Glotze. Hantelersatz.

Ich schaue in die Ferne. Das geht gut, aus unserem Dachgeschoss im 4. bzw. 5. Stock. Ich lasse den Blick über die Häuserdächer schweifen… Über die Schornsteine, die mich aus irgendeinem Grund immer an Bilder englischer Städte zur Zeit der industriellen Revolution erinnern. Dach, Dach, Dach, etwas weiter hinten Baumspitzen, dieser Turm oder diese Esse, der oder die aussieht wie eine Spritze, der Kirchturm hinten am Kreuz und am Horizont – natürlich – das Braunkohlekraftwerk Lippendorf. Oh Lippendorf! Du verdammter Schandfleck meiner täglichen Aussicht, der du mich immer wieder zuverlässig an die Abgründe des Menschlichen erinnerst… Motorengeräusche und Vogelgezwitscher, Straßenbahnrauschen und der kühle Wind, der meinen Nacken umspielt. Das ist unser – das ist mein – Leben, heute, hier, jetzt. Natur und Kultur nebeneinander, gleichzeitig.

Diese Stadt ist voller Geschichte(n). Wenn ich bewusst hinschaue, dauert es nie lange, bis mir dieser Gedanke kommt. In seinem letzten Film hat T. das ziemlich gut eingefangen. Unter diesem Asphalt, da unten, sind viele Schichten anderer Straßen: Asphalt, Asphalt, Asphalt, dann Kopfsteinpflaster, Trampelpfade und schließlich vergangene Natur, Humus. Die Bäume da drüben in der Bernhard-Göring, die ich von hier aus sehen kann, waren schon lange vor mir da, schon lange vor den hässlichen 80er Jahre-Neubauhäusern, die jetzt hinter ihnen stehen. Wer weiß, welcher Mensch sich zu welcher Zeit einmal in ihrem Schatten vor der Sonne geschützt hat. Vor einigen Wochen haben sie eine ganze Reihe Bäume in dieser Straße herausgerissen. Um Platz zu machen, für… Ja, für was eigentlich? Noch mehr Wohnraum wahrscheinlich. Die Stadt wächst unaufhörlich, schreibt immer mehr Geschichte(n) – und verdrängt langsam Gewachsenes. Das ist der Lauf der Dinge. Und das ist, was und wie Mensch das heute so macht; wie wir uns „Platz schaffen“: Abholzen. Rausreißen. Wegbaggern. Zuschütten. Das können wir gut. Da wird sich nun jedenfalls niemand mehr vor der Sonne schützen.

Ich wippe immernoch, auf und ab. Ich habe die Fernbedienungen inzwischen abgelegt und bewege meine Hände mit. Auf. Und ab. Auf. Und ab. Ich traue mich, zunehmend größere Bewegungen mit den Armen zu machen. Auf. Und ab. Auf. Und ab. Und größere Sprünge dazu.

Die vielen, vielen Träume vom Fliegen… Die Sehnsucht danach, an die man sich, in dem Zustand, der allgemein „erwachsen“ genannt wird, wohl nur noch dunkel erinnern kann. Wenn man Kind ist, kann die Trauer und Verzweiflung darüber, nicht fliegen zu können – es niemals zu können – einen wirklich fertig machen. Wie? Es war nur ein Traum?!? WIE? Ich kann gar nicht fliegen?!? Niemals?! Tiefe Traurigkeit. Ähnlich enttäuschte Gefühle und Hoffnungen gibt es davon abgesehen vielleicht noch in Bezug auf’s Zaubern. Nein, ich werde nicht von einem geheimen Bahnsteig aus mit einer altertümlichen Dampfeisenbahn zu einem riesigen alten Gebäude, mit sich bewegenden Treppen fahren und nein, ich werde auch nicht in Zauberkunde unterrichtet werden. (Danke, J.K. Rowling, für jede Menge Herzschmerz in meiner Kindheit!)

Aber jetzt gerade ist all das gar nicht dran, denn ich schaue einfach nur fern – aus meinem Fenster. Ich schaue, spüre den Wind und bewege mich. Auf und ab. Auf. Und ab. Auf. Und ab. Auf. Und ab. Auf…

Und dann… fliege ich einfach aus meinem Fenster hinaus. Ich denke gar nicht darüber nach, ob das eventuell problematisch sein könnte. Ich tu’s einfach.

Über die Dächer des Hauses gegenüber hinweg. Über die Richard-Lehmann-Straße drüber, die Karli entlang, in Richtung Connewitzer Kreuz. Ich steige etwas höher, das Schlagen mit den Armen ist überraschenderweise gar nicht anstrengend. Ich gleite durch die wunderbar kühle Luft und fühle mich ganz leicht. Neben mir fliegen Spatzen und Krähen und Tauben. Sie wirken nicht irritiert. Seltsame Flugobjekte sind sie wohl schon längst gewohnt. Ich nicke ihnen unwillkürlich zu, so wie Straßenbahnfahrer_innen sich grüßen, wenn sie aneinander vorbei fahren und muss über mich selbst lachen. Natur. Und Kultur. Ich umfliege den Spritzenturm mehrfach, bekomme aber immer noch nicht heraus, was das eigentlich für ein Ding ist. Was ist sein Zweck? Fliege weiter zur Paul-Gerhard-Kirche in der Selneckerstraße. Fliegen ist tatsächlich genauso wunderbar, wie es in den Träumen wirkt. Freude und Leichtigkeit auch in meinem Bauch, ich will Juchzen, so großartig ist das! Keine Hindernisse, schnelles Fortkommen, das Gefühl der Schwerelosigkeit… Ich umfliege die Kirchturmspitze, halte mich mit schnellem Schlagen meiner Arme auf Höhe der Kirchturmuhr und betrachte sie ausgiebig aus nächster Nähe. Dann weiter, Richtung Wildpark, über den Auwald hinweg. Über mir rauscht ein Flugzeug, aber ich bin viel zu weit unten, als dass es mich stören könnte. Höchstens 30 bis 50 Meter über dem Boden, schätze ich. Ich sehe den Spielplatz, auf dem wir immer mit unseren Kindern sind, erstmals von oben. Sehe die Tiere und staune, wie groß das Areal insgesamt ist. Ich fliege weiter und weiter, bis zum Cospudener See. Am Nordstrand lande ich, meine Füße setzen sanft auf dem sandigen Untergrund auf. Ich schwanke etwas. Es fühlt sich seltsam an, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Mir ist schwummerig, so wie nach einer längeren Schifffahrt. Nachdem ich mich kurz gesammelt habe, laufe ich zum Steg. Ich gehe bis ganz nach vorn und setze mich hin. Lasse meine Füße im Wasser baumeln. Das Wasser ist ziemlich kalt, aber nach kurzer Zeit hat sich mein Körper – habe ich mich – an die Temperatur gewöhnt. Das Wasser ist weich, umspielt meine Füße. Plätschert etwas nach oben, ganz leichter Wellengang. Ich stell mir vor, ich sitz am Meer. Wenn man sich Lippendorf weg denkt, haut die Illusion fast hin. Ich beobachte die Segelboote und die bunten Windsurfsegel. Die Sonne schiebt sich durch die Wolken und blendet mich, ich halte mir die Hände vor’s Gesicht und blinzele nach oben. Dann stelle ich mich auf den Steg und springe hinein in das kühle Wasser. Ich tauche bis zum Grund, zusammen mit erstaunlich vielen kleinen Fischen. Bestaune die Algen und die Steine. Sehe allerlei Müll und nun die Rümpfe der Segelboote und Windsurfbretter. Das Glitzern der Sonne an der Wasseroberfläche. Natur und Kultur. Ich gleite durch das Wasser und auch hier fühle ich mich leicht, fast schwerelos – keine Hindernisse, einfach nur Gleiten… Ich steigere die Geschwindigkeit und schieße schnell durch den See. Links und rechts und links und rechts und schnelle Drehungen und scharfe Kurven. Das fetzt!

Nach einigen Runden habe ich genug. Ich will versuchen, aus dem Tauchen direkt in die Luft zu starten. Mein Herz rast. Wird das klappen? Kann das klappen? Wenn ich zu spät nach oben gehe, dürfte das – bei entsprechender Schnelligkeit – eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit werden, an den Steg zu knallen oder am Ufer im Sand zu landen. Bei zu wenig Tempo werde ich es aber nicht in die Luft schaffen. Was soll’s. Ich versuch’s  – ich tu’s – einfach! Ich schwimme zur einen Seite des Sees, Ecke Bistumshöhe, tauche los, gerade nach vorn, steigere die Geschwindigkeit, immer mehr, immer stärker, stärker, schneller, schneller, ich ziele dann in Richtung Wasseroberfläche… und… Es gelingt beim ersten Versuch. Das Gefühl ist fantastisch! Ich steige aus dem Wasser direkt in die Luft. Nach und nach trocknet der Wind mich, ich verringere die Geschwindigkeit und gleite entspannt umher. Der Puls sinkt, ich spüre meinen schweren Atem. Ich schaue mich um. Markkleeberg. Dieser hübsche kleine Park mit dem alten Wasserschloss und dem Adlertor vorm Equipagenweg – der „Keessche Park“. Die Stadt ist voller Geschichte(n)! Der Kleingartenverein, die alten Häuser und gegenüber die neu gebauten Wohn-Quader reicher Leute. Aller fünf Meter steht hier das selbe Inventar im Garten: Eine Schaukel. Ein Sandkasten. Ein Klettergerüst mit Rutsche. Dazwischen dicke Mauern aus Beton. Aus der Luft betrachtet wird die Absurdität dessen so offensichtlich… Die Kinder könnten ja miteinander in Kontakt kommen! Wo komm’wa denn da hin?!? Und welche Versicherung haftet, wenn dann was passiert? Nee, nee, nee… Hier macht mal jeder schön seins! Unsere individualisierte, anonyme, vorrangig an Sicherheit und Kontrolle orientierte  Lebensweise ist eine verdammte Seuche und sie treibt Blüten, die bei Licht – oder von oben – gesehen so merkwürdig und abstrus sind, dass es eigentlich unvorstellbar ist, dass Mensch das nicht irgendwann mal mitkriegt und einfach immer so weiter macht. Aber so ist es.

Eine Gruppe Vögel zieht an mir vorbei, Dreiecksformation. Wohin sie wohl fliegen? Gern würde ich sie verfolgen, um das herauszukriegen… Aber es zieht mich zurück nach Hause. Ich gleite über der Koburger Straße, über der Wolfgang-Heinze, vorbei am Spielplatz Herderplatz mit der Rollenrutsche, die t. so sehr liebt, bis zum Kreuz mit der immer noch merkwürdigen REWE-Mall, die Karli entlang, in die Kantstraße und zurück zu meinem Fenster. Ich halte noch einen Moment lang in der Luft vor meinem Zimmer inne, schaue noch einmal zurück, bis nach Lippendorf und dann von außen nach innen in mein Zimmer. Was für eine abgefahrene Perspektive! Dann fliege ich hinein und setze meine Füße auf dem Laminat-Fußboden ab, der mir plötzlich seltsam steril vorkommt. Wieder kurzes schwanken, orientieren, ankommen…

Ich lasse mich auf meinen roten Schwingsessel fallen, sinke tief in ihn hinein, genieße die nun wieder erfahrbare Schwerkraft und spüre deutlich, wie anstrengend der Ausflug für meinen Körper letztlich doch war. Die Muskelanspannung lässt nach, ich schaue auf die Uhr: Fast zwei Stunden war ich unterwegs. Verrückt! Die Zeit verging – ha! – wie im Flug! Ich muss grinsen über dieses dämliche Wortspiel.

Ich höre die Treppe knarzen. K. kommt von unten nach oben, in mein Zimmer hinein, sieht mich im Sessel sitzen, schwer atmend, irgendwie perplex und überwältigt, vor mich hin starrend.

„Vic?! Ist alles in Ordnung bei dir?“

„Hmhm… Sag mal: Hast du eigentlich als Kind auch so oft vom Fliegen geträumt?“

Am Bahnsteig fährt die Regionalbahn ein. Und alle trampeln sich schon einmal vorsorglich gegenseitig auf die Füße, drängen aufgeregt nach vorn. Verdrücken sich krampfhaft ihre „Tss“s und „Hrrroch“s, angesichts unberechtigter Drängel-Aktionen. Eine ältere Dame mit Hut raunzt ihrem Mann etwas ins Ohr, heiser, mürrisch. Er nickt stumm. Ein einstudiertes, kaltes Nicken, wie es bei älteren Lebenslang-Paaren oft zu sehen ist. „Ja, Martha. Lass gut sein.“

Die junge Mutter mit dem Kinderwagen schiebt sich aufgeregt ganz nach vorn. „ICH HABE HIER DAS RECHT, ALS ERSTE EINZUSTEIGEN! Ich bin schließlich MUTTER!“ plärrt ihr Blick.

Die Türen öffnen sich. Alle Fliegen wollen plötzlich zum Scheißhaufen.

„Erst raus, dann rein. erst raus, dann rein.“ denke ich. Wir kotzen mich alle an. Wir alle, mit unserer Ungeduld. Wir alle, mit unserem Hass auf all die Anderen. Wir alle, mit unserer permanenten Angst, die Anderen könnten ein größeres Stück vom Scheißhaufen abbekommen.

Ich platziere mich. Gekränkt ziehe ich mich in mein Schloss zurück. „Wir kotzen. mich alle. an.“ denke ich und schlage mein Buch auf. Der Steppenwolf.

Er hatte vieles von dem gelernt, was Menschen mit gutem Verstand lernen können, und er war ein ziemlich kluger Mann. Was er aber nicht gelernt hatte, war dies: mit sich und seinem Leben zufrieden zu sein. Dies konnte er nicht, er war ein unzufriedener Mensch.

„Wie soll man auch zufrieden sein, angesichts des deprimierenden Menschenmaterials.“ denke ich und im selben Gedankenzug an die Wahlergebnisse der AfD in eben diesem Bundesland, das ich gerade durchfahre, die Brandanschläge auf Asylunterkünfte, das neue deutsche Wutbürgertum, *EGIDA und den ganzen stinkenden Sumpf deutschnationaler Gesinnung.

Der massive Fahrkartenkontrolleur – wer sagt denn heute noch Schaffner? – presst sich durch den Wald aus Fahrrädern und Menschen, macht Halt vor einem Paar, dem man einen Migrationshintergrund – vorurteilsbeladen wie wir sind – auf der Stelle zuschreiben würde. (Sie trägt schließlich Kopftuch!) Mit umständlichen, unbeholfenen Gesten und viel zu lauter, langsamer Rede versucht der Massige, den eingeschüchtert wirkenden zu bedeuten, ihre Namen auf die Fahrkarte zu schreiben. „Ist das jetzt schon Rassismus?“ fragt der automatische, antifaschistische Anrufbeantworter in mir erbost. Die Bekopftuchte holt ein Tablet in A4 aus ihrer Handtasche und reicht es ihrem Sitzpartner. Als Schreibunterlage. Dem Gegenüber im letzten Lebensdrittel entgleist kurz, aber unbestreitbar das Gesicht.

In mir seufzt es. Ich denke an die Kommilitonin, mit mir im letzten Semester sitzend und  tatsächlich von abendländischer Kultur und „den türkischen Frauen“, die ja „in aller Regel nicht arbeiten gehen, weil die Männer das nicht wollen“ schwadronierend. Es ist hoffnungslos.

Ein wenig später steht’s schließlich auch bei Hesse:

Ja, es sind eben gar zu viele Menschen auf der Welt. Früher merkte man es nicht so. Aber jetzt, wo jeder nicht bloß Luft atmen, sondern auch ein Auto haben will, jetzt merkt man es eben.

Ich muss/will mal meinen Senf zu Birdman loswerden, den ich gestern und vorgestern gesehen habe.

Ziemlich am Anfang des Films ist eine Notiz am Spiegel in der Garderobe des Protagonisten Riggan Thomson zu sehen, die sagt:

„a thing is a thing, not what is said about that thing“.

Kurze Zeit später faselt ein Journalist etwas von Roland Barthes, eine Journalistin (typ Doofchen) weiß nicht, um wen es geht. (Sie fragt, ob das jemand von Avengers sei.) Davon abgesehen auch relevant: Der ganze Film wirkt, als wäre er ohne Schnitte abgefilmt worden – eine ewige Kamerafahrt, eine perfekte Inszenierung. Das bringt mit sich, dass ständig Übergänge – Flure, Treppenhäuser, Straßen – Orte des Geschehens sind. Das Theater wirkt so wie ein Labyrinth (oder auch wie ein Raumschiff, wie K. meinte). Die Kamera folgt den Figuren auf Schritt und Tritt.

Ich habe mal gegoogelt, was das Internet zu Birdman + Roland Barthes sagt. Nicht viel. Die Szene mit den Journalisten wird nur im Hinblick der plakativen Unterscheidung zwischen „intellektueller Journalist“ und „Boulevard-Klatsch“ interpretiert. Und irgendwie ist das auch ein Thema. Blockbuster vs. ernsthaftes Theater, Philosophie vs. Mainstream, Einnahmen oder Ehre, Intellektuelle vs. Pöbel. Wie auch immer… Mich wundert, dass die andere Ebene nicht auffällt, deshalb kurz was dazu.

In Birdman kann man meiner Meinung nach ziemlich deutlich eine Verwurstung (post-)strukturalistischer Theorien erkennen, z.B. eben Theorien von Roland Barthes. (Man könnte hier aber auch Jaques Derrida oder Andere in den Ring werfen.) Bei denen geht’s zum einen um die Frage der Wirklichkeit, etwa um Sprache und wieviel Sprache eigentlich mit der Wirklichkeit zu tun hat. Sie würden vermutlich sagen: Nicht viel. (Deshalb auch der Spruch „a thing is a thing, not what is said about that thing.“) Über Sprache – so der theoretische Zugang – haben wir niemals einen Zugang zur Wirklichkeit. Das, was Freud sprachlich z.B. über die menschliche Psyche gesagt hat, kann niemals mehr sein als ein Modell, eine Illusion. Gleichzeitig sagte Freud auch – fragt mich jetzt nicht, wo ich das gelesen habe -, dass Menschen danach streben, den Dingen einen Sinn zuzuschreiben, sich Illusionen zu machen, sich Dinge zu erklären – sie bräuchten das, um handeln zu können. Sich Illusionen zu machen, sein Handeln nach Fiktionen auszurichten ist also – folgt man dem – sowas wie eine grundsätzliche Eigenart von Menschen. Und um’s Illusionäre, Mythologische geht’s in Birdman ja schon auf den ersten Blick. Auch mit den Themen setzen sich Barthes und andere auseinander.

Eine zweite Sache, die in den Theorien (und m.E. auch im Film) steckt ist ein Fokus auf Strukturen, und damit auf Verbindungen. Wenn man sich eine Sache mit einer strukturalistischen Brille nähert, dann nimmt man nicht nur die Kernpunkte A und B und C dieser Sache in den Blick, sondern man konzentriert sich auf die netzartige Struktur der Sache. Man fragt danach, wie A und B und C und C und A und C miteinander in einem Verhältnis stehen, wie sie miteinander verbunden sind. Die Verbindungen, die Beziehungen werden also relevant – relevanter als die eigentlichen Kernelemente. Statt dem Herz und dem Hirn würden sich die Strukturalisten also wohl für die Nervenbahnen dazwischen interessieren; statt für Merkel und Hollande für die Beziehung zwischen den beiden; statt für BMW und Mercedes… und so weiter. Bei den Sprachtheoretikern kommt dementsprechend in den Blick, wie Worte miteinander in Verbindung stehen. Stukturalistisch kann man aber eigentlich alles anschauen: Architektur, Gegenstände, Texte, Musik, Bilder, Organisationen, gesellschaftliche Teilbereiche oder auch Filme.

(Nur der Vollständigkeit halber: Die poststrukturalistischen Theorien unterscheidet sich von den rein-strukturalistischen Ansätzen insofern, alsdass sie nicht danach fragen, inwiefern diese Strukturen tatsächlich den Dingen zugrundeliegen (wovon die „klassischen“ Strukturalisten wohl schon noch irgendwie ausgingen.) Man kann einen strukturalistischen Blick auf Dinge aber auch einfach als Brille verstehen, mit der man andere, vielleicht neue Dinge in den Blick bekommt, weil der Fokus ein anderer, nicht sehr alltäglicher ist.)

In Birdman wird m.E. also nicht ohne Grund den Verbindungen von Szenen und Räumen Flure, Treppenhäuser, Straßen – so viel Raum gegeben. Das Illusionäre, metaphysische ist nicht ohne Hintergrund ein Hauptthema des Films. Und Roland Barthes wird in der Journalisten-Szene sicher nicht nur erwähnt, um intellektuelle von stumpfen Kritikern abzugrenzen. Birdman-Regisseur Iñárritu scheint mir eher sehr angetan von einer strukturalistischen Sicht auf die Dinge. In seinem Film kann man jedenfalls mit entsprechenden Vorkenntnissen eine Menge Spuren finden, die darauf hindeuten ( – das war jetzt ein Insider! -) und ein bisschen Licht ins Dickicht dieses (wie ich finde ziemlich gelungenen) Films bringen.

Meinungen hierzu? Anyone?

Wirklich vorzüglich, wie du dich vollgekotzt hast!

Endlich hast du dich mal richtig schön innwandig eingesaut.

Wenn du deine Treppen in dir windest und drehst und rollst und dir verbietest, einfach kleinlaut zu sein; das Großmaul rauskehrst und die Zweifel heimtückisch einschmerzt, dann… ja, dann… fühlst du dich groß und stark?

Keine Kleinigkeit, kleines Korinthenkackerchen!! Keine Kleinigkeit.

Das sind schwere Schwülstigkeiten am Abszess der Niederträchtigkeit.

Ich schimpfe mit dir! Merkst du noch was? Oder ist schon alles stumpf?

Alle Zähne schon längst ausgebissen, du müder Modermensch?

Alle Gedanken gedacht, alle Musen geküsst, alle Messen gemästet? Und nun, nichtsnutziges Niemand?

Willst du noch immer wer sein? Hat’s was gebracht, das ganze Gerenne, du Stresspartikel Du?

Ich bin ich und du bist du?

Nichts da, elender Ekel! Wir sind wir, du und ich, bis dass der Tod uns scheidet und wenn sie nicht gestorben ist.

All die schönen Spiegelleichen und Speicheldecker um dich rum, hm? Gefällt dir, was du siehst?

Ahnst du allmählich, was Anerkennungsangst und Abfallanfälle anrichten, abartige Alpha-Alte?

Schön mitspielen, den Höllensumpf. Schön miteinrein galoppieren ohne Gebrüll, nicken.

Lass dich nur schön stutzen. Ich warte solange hier.

Verlautbarungen der Innen-Hölle, kleine Missmade Du!

Zuckende Zweifelkeime säen.

Werteverluste wachsen, Wutwehwehchen wuchern.

Und dann irgendwann – BUUUUUMM! – im Affekt und ohne Vorankündigung und alle so „hä?“

Kann man nichts machen. Wird so kommen. Wirst schon sehen, Alte.

Nur einen Moment lang entschwindet der Augenblick und reimt sich was zusammen für dich.

Wenn ich dich sehe entzündet sich mein Fleisch. Und brennt. Und ich renne in drei Atemzügen von dir fort.

„Was kann ich nur tun?“ fragst du und schaust mir entrümpelt hinterher. Kastrierst deine Unschuld, enthemmst dein Verlangen, denkt Ich.

„Wohin sollen wir gehen? Was soll das alles?“ schnarrt der kühle Vogel in endlosen Schleifen von Grausamkeit. Der Rest erübrigt sich aus der Hinterhand.

„Quäle mich! Quäle mich! Du kleines Elend!“ schreit Ich und fasst sich übertrieben an die Brust.

Das ist ein Verbrechen. Ist es nicht! Geringster Widerstand war schon immer eine zu einfache Idee… Aber ich schäme mich.

Konsequent ungehemmt, aber dennoch: „Meine Batterien sind einfach leer!“ Verdammt und schwammig und eklig. Im eigenen Schweiß, der eigenen Suppe. „Überall gibt es alles, nur hier nicht!“ Doch. Hier auch, Ich. Deine Feigheit macht es dir nur unmöglich zu sehen.

Entsprechend deiner kleinen Strafreise habe ich mich zurückgezogen und liege still im Unterholz.

„Und? Empfindest du noch etwas?“ fragte er mich eines Morgens. „Nein“ dachte ich laut und deutlich. „Ja“ sagt Ich in beiderseitigem Einvernehmen. Wo kommen wir denn sonst hin, Madame?

Alle Granaten nützen gar nichts, wenn die Freiheit… Ach, die Freiheit. Die schon wieder.

Verlogen und bequem ätzt sich der Verstand durch die Seele und versaut alles, was da möglich wäre und hält es auch noch für gut. Hält es für angemessen. Ich schreibt und ist entzückt.

„Hast du wirklich gedacht, du könntest das sein? Hast du wirklich gedacht, du würdest das schaffen?“ Die kleine Reise scheint hier zu Ende zu sein.

„Ich geh Wasser holen!“ Deine Sorgen sind mir zu massiv, ich muss hier raus, kleine Welt. Alles in allem bist du nur ein Punkt im Alles und Ich ist ein kleinerer Punkt und irgendwann ist Ich mal etwas gewesen und später auch du, kleine Welt. Nur ein Windhauch im allgemeinen, unendlichen Hustenanfall der Zeit. Verzweifeln deswegen? Weitermachen. Abstrampeln. Gut sein. Verzagen wir. Danken wir. Flehen wir. Mal so, mal so. Was gerade anliegt. Opportunisten unserer Existenzängste. Wir haben nur das eine und dazu auch noch im Falschen.

„Ich schlage vor,“ sagst du „du gehst nach unten und legst dich in den Schnee.“ – „Gute Idee.“ sage ich und nehme meine Jacke. Und meinen Hut nähme ich auch, hätte ich denn einen, denn das geht nun wirklich zu weit, Marie. Ich gehe.

Die toten Gestalten treiben zum Bahnhof. Entzwei im Kreis, kreisrund und in sich geschlossen. Mit Fabeln im Kopf und Scheiße im Magen und alles tut weh und neue Feinde braucht das Land. Also geht Es auf die Straße und brüllt sich die Schmerzen aus dem Leib.

Vorherbestimmt ist meine Seele nicht, aber schreibend empfinde ich… schreibend gehe ich Wege, die ohne ich nicht zu gehen wagte.

Verzeih, Zeit, dass ich heute so pathetisch bin. Im Morgen vergessen wir das Gestern entweder oder kleben in ihm fest. Fühlen uns dabei haltloser denn je. Im Morgen sehen wir das, was sein soll und ergeben uns der durchschlagenden Kälte, die uns so erbarmungslos ins Gesicht schlägt. Verrucht und falsch klingen all die Ideen, die mit funktionieren nichts zu tun haben. Kannst du dich davon lossagen? Kannst du das mal lassen? denkt Ich, aber weiter macht es trotzdem wie von selbst. Selbst dann, wenn Ich sich subversiv fühlt. Ich ist schlau. Ist Ich alles, was wir haben. Ich ist ich.

Palästina/Israel. Syrien. Ukraine. Afghanistan. Irak. Kaukasus. Sudan. Mali. Zentralafrika. Somalia. Kongo. Nigeria. (…)

Da draußen ist Krieg, da sterben Menschen,… Menschen, die wahrscheinlich alle versuchen (oder versucht haben), irgendwie ihre kleinen Leben zu führen.

Ich weiß nicht, wie ich darüber schreiben kann… Aber ich will darüber schreiben. Es geht mir im Kopf rum. Andauernd. Ich fühle mich in den letzten Wochen wie in meiner Kindheit, als ich anfing, Kriege wahrzunehmen. Vergangene Kriege – Weltkriege – im Deutsch- und Geschichtsunterricht und aktuelle „Konflikte“ – das sagt man ja heute zum Krieg – im Fernsehen. Eine ständige Angst fraß sich in meinen Kopf. Ich hatte Angst vor einem neuen Weltkrieg, vor Atombomben, vor Selbstmordanschlägen… Dann kam 9/11 und ich hatte ja kein Gefühl für die Distanz zwischen hier und Amerika. Ich war 13. Ich hatte Angst vor Dieben und Mördern, ich sah im Dunkeln Männer auf meinem Balkon stehen und hatte zeitweise Angst vor jedem Geräusch in der Wohnung. Ich hatte Angst vor Neonazis, weil ich (sowas wie) Punkerin war. Und ich hatte Angst im Dunkeln. Die Welt, die vorher noch irgendwie klein und nicht unbedingt heil, aber zumindest übersichtlich war, wurde groß und unberechenbar. Vor meinem inneren Auge sah ich brennende Flugzeuge in den Leipziger Uni-Riesen rasen und Bomben in Leipziger Straßenbahnen hochgehen. Ich habe die Bilder und Meldungen in meine kleine Welt transferiert. Ich hielt das für möglich. Die Gründe und unterschiedlichen Anlässe dafür, dass Leute sich gegenseitig wegbomben, waren mir nicht klar. Ich hatte das Gefühl, es könnte jeden treffen.

Ich wurde älter und fing an, Zusammenhänge zu verstehen. Erster Weltkrieg und dann… die unmenschlichen Vergehen der deutschen Nazis im zweiten Weltkrieg. Meine Eltern besuchten mit uns Konzentrationslager, mein Vater heulte wie ein Schlosshund nach dem Besuch des KZ Theresienstadt. Später versucht ich, zu verstehen, was hinter „islamistischem Terror“ steckt (und versuche es noch immer). Ich las Michael Moore und für mich war das damals eine Offenbarung… Aber es machte alles komplizierter. Vorher waren gut und böse noch relativ klar: Islamisten böse, Amerikaner Freunde. Ich verstieg mich in krude Verschwörungstheorien über den 11. September und landete bei der Infragestellung des großen Ganzen: Kapitalismus, Amerika und die Welt, Europa, Nahrungsmittelindustrien, Banken, Regierungsklüngelei, mediale Berichterstattung … territoriale Machtansprüche, Kolonialismus, Menschenrechte, … Und begriff? Immer mehr und damit immer weniger… In mir wuchs der Gedanke, dass Niemand – wirklich Niemand – einen Überblick über diesen ganzen Wahnsinn haben kann und dass die Menschheit nur irgendwie gemäß ihren jeweils eigenen egoistischen Interessen am Verlauf der Dinge herumstümpern. Ich hatte die kindliche Naivität und damit das Vertrauen in die Menschheit verloren. So pathetisch, wie das vielleicht klingen mag.

„What is the most resilient parasite? Bacteria? A virus? An intestinal worm? An idea. Resilient… highly contagious. Once an idea has taken hold of the brain it’s almost impossible to eradicate. An idea that is fully formed – fully understood – that sticks; right in there somewhere.“ (aus: „Inception„)

Mir kam alles sinnlos vor. Ich hatte keine Idee, was ich hätte tun können, ohne falsch zu liegen, weil sich alles falsch anfühlte. Die Menschheit hatte mich tief enttäuscht. Gerade noch war die Welt voller Abenteuer und Großartigkeiten und auf einmal sah ich in jedem Menschen ein potenzielles Arschloch, bereit, im Fall der Fälle – solange es seinen Interessen dient – zu töten. Dich, mich, uns alle. Dann kam die Pubertät, in der das bedrohlich aufsteigende depressive Gedankengut von tobenden Emotionsstürmen und grenzenlosem Egoismus weggespült wurde, an irgendeinen Strand im hinteren Teil meiner Kopfwelt. All das draußen konnte mich nicht mehr so stark bewegen, weil das drinnen so übermächtig war. MEINE Band, MEINE Liebeleien, MEINE Ziele, MEINE Gesundheit, MEINE Autonomie, MEINE Freunde… Anerkennung, Liebe, Saufen, Rock’n’Roll und persönliche Dramen. Ich hatte alles, was ich brauch. Was ging mich die Welt an? Das schöne an der Pubertät ist doch, dass du lebst, als gäbe es kein Morgen, weil dir das Morgen scheißegal ist. „NO FUTURE“ stand dick und fett auf meinem Schülerkalender – btw: Was für ein wunderschönes Paradoxon, oder? – und ich fühlte das tatsächlich so.

Dann kam meine Sinnkrise. Ich machte Abitur, wir versuchten es mit der Band. Ich durchtrennte hier und da größere und kleinere Abhängigkeiten… und die Welt da draußen konnte ich nicht länger ignorieren. Der große Sturm hatte sich gelegt und ich schipperte ziemlich ziellos auf meiner Hirnsuppe herum… Dann der positive Test. Ich fühlte mich ruhig. Mein lautes Schreien nach Sinn und Bedeutung hatte in zwei blauen Strichen eine vorläufige Antwort gefunden.“No Future“ war nicht mehr, plötzlich ging es darum, eine Zukunft aufzubauen. Ich musste Entscheidungen treffen, die nicht nur für mich bedeutsam sein sollten. Und zwischen MEINEN Zukunftsängsten auf der einen und dem Gefühl, dass diese großen „normalsten Sache der Welt“ eine gute Entscheidung für uns sein könnte, erkannte ich auch meine alten Gedanken wieder… Das Chaos und die Undurchschaubarkeit der Welt strömte wieder auf mich ein.

Mir fiel auf, dass es kaum möglich ist, sein Kind „gesund“ zu ernähren und später fragte ich mich, wonach ich mich bezüglich des „gesund“ überhaupt richte und was „gesund“ überhaupt ist. Hinter allem standen Fragezeichen.

Wie soll ich meinem Kind eine Welt erklären, die ich selber nicht verstehe?

Wie kann ich es verantworten, ein Kind in eine Welt zu setzen, die ich als „kaputt“ empfinde?

Und damit sind wir im Heute. Ich habe eine mögliche (erfolgreiche) Laufbahn als Werbetexterin nicht weiter verfolgt. Ich konnte und wollte nicht länger doofe Produkte für doofe Leute von doofen Leuten anpreisen. Heute studiere ich „was mit Bildung“ und setze mich für gute Kinderbetreuung ein. Warum mache ich das? Weil ich dem Rat einer guten Freundin gefolgt bin, die mir irgendwann mal gesagt hat: „Weißt du, wenn du dich engagieren willst, dann musst du dich irgendwann einfach für eine Sache entscheiden. Du kannst nicht die ganze Welt retten.“ Und ich habe mich für Bildung entschieden, weil ich denke, dass Kinder gute Leute verdient haben und weil ich denke, dass Kinder gute Leute sind, die es verdient haben,dazu befähigt zu werden, in einer ziemlich hässlichen Welt, gute Leute zu bleiben. Weil sie begreifen und selbstständig durchdenken können sollen, was vor sich geht. Auch so ein Dilemma… Würde ich gefragt, ob ich mir wünsche, dass meine Kinder später glückliche Menschen sind, würde ich natürlich spontan und innbrünstig mit „JA“ antworten. Wenn ich aber darüber nachdenke, wohin das, was ich unter „Bildung“ verstehe, eigentlich führen soll, dann stehen am Ende nicht unbedingt glückliche Menschen. Denken macht nicht zwangsläufig glücklich. Darum geht es beim Denken nicht. Denken macht kritisch, auch selbstkritisch. Denken kann wehtun. Und Denken macht alles verdammt kompliziert. Und trotzdem stehe ich dahinter.

„Ambivalenz ist doch nichts Schlimmes“

schrieb mir vor Kurzem Doro von dorobot in einem anderen Zusammenhang per SMS. Kann sein… Aber im Bezug auf’s große Ganze kann sie ziemlich lähmend sein.

Ich mache das, was ich tue, sicher auch, weil ich zu den Guten gehören will. Wer sind „gute Leute“? Leute, die nachdenken. Leute, die nicht mitmachen bei… Leute, die keine Arschlöcher sind. Ich fürchte, man kann sein Leben nicht „perfekt“ – im Sinne von „durch und durch gut“ – machen. (Was ist schon „gut“ und „richtig“?) Ich und Andere strampeln sich immerhin ein bisschen ab dafür, es wenigstens zu versuchen. Wir essen fleischloses Biogelumpe (von dem man ja gar nicht alle satt bekäme, wenn alle sich so ernähren wollten), nutzen keine Flugzeuge und versuchen, unser Umfeld positiv zu gestalten, uns einzubringen, Politik zu machen, Entscheidungen mitzuverantworten. Und dann rennen wir auf dem Heimweg von der Beiratssitzung noch schnell zu H&M, um kurz noch ein Shirt und einen Winteranzug für das Kind zu kaufen und schließen unterwegs mit dem Smartphone die Bestellung für’s Tablet ab und ordern hintendrein noch das Buch über eine bessere Welt bei Amazon. Überall Fallen! Obwohl wir wissen (sollten), dass ein Shirt  für vier Euro nicht korrekt sein kann. Obwohl wir wissen (sollten), dass daran das Blut von versklavten Menschen klebt. Und wenn ich daran denke, wird mir klar, dass Krieg eigentlich nicht weit weg ist. Europa sitzt schon irgendwie auf einem Pulverfaß. Die Nähe wird einem auch ziemlich klar, wenn ein ziviles Passagierflugzeug aus den Niederlanden über der Ukraine abgeschossen wird, weil es vielleicht für etwas Anderes gehalten wurde.

Die Bilder und Nachricht aus Gaza schockieren. Der Bürgerkrieg in Syrien ist inzwischen medialer Alltag. Ich fühle mich hilf- und ahnungslos. Wie kann man gegenüber Gewaltbereiten pazifistisch-humanistisch auftreten? Bleibt Israel wirklich nichts anderes übrig, weil weite Teile der arabischen Welt das Land vernichtet sehen will? Rechtfertigt die Bedrohungslage Angriffe in diesem Ausmaß? Nutzt die Hamas wirklich Kinder als Schutzschilde, um antiisraelisches Propagandamaterial in der Hand zu haben? … Unterstützt Russland die pro-russischen Separatisten mit schwerem Geschütz? Und wenn ja, warum? Machtinteressen? … Gibt es in Syrien wirklich noch so viele Assad-Unterstützer? Ich glaub, wir können uns kaum vorstellen, was in diesen Ländern abgeht… Wie sieht ihr Alltag aus?

Und dann steht meine Tochter neben mir, mit ihrem zugeschwollen Auge, weil sie zum zweiten Mal innerhalb von vier Monaten Impetigo Contagiosa hat und ich sehe die Klebestreifen an ihrem Kinn, die von die Platzwunde nach einem Stolpersturz am letzten Sonntag herrühren. Und ich humple in die Küche, weil ich mir den Fuß verstaucht habe, und zu K., dass ich es ätzend finde, dass wir erst Ende September Urlaub machen können, wenn überhaupt, und den ganzen heißen Sommer hier verbringen müssen. Und die Waschmaschine verweigert aus irgendeinem Grund das Abpumpen. Und ich fühle mich wegen all dem gebeutelt und tippe „Das gibt’s doch alles gar nicht!“ in meinen Facebook-Status und kriege „Wenn schon scheiße, dann richtig“-Kommentare.

Denn das ist meine Welt, das ist unser Alltag. Ich bin über das glücklich oder traurig oder besorgt, was mir in meiner Welt und hier passiert… Ist es erlaubt, glücklich zu sein, während überall auf der Welt so viel Scheiße passiert? Geht uns das alles eigentlich nichts an? Wäre jede Einmischung in scheinbar „fremde Konflikte“ eine, die uns eigentlich nicht zusteht? Ist das Selbstschutz, unseres Frieden zuliebe? Könnten wir überhaupt etwas bewirken? Warum machen wir nicht mehr? Warum sind wir nicht bessere Menschen? Am Ende schauen wir doch dabei zu, wie die Leute aufeinander losgehen und nehmen in Kauf, dass Menschen und Tiere ausgebeutet werden, damit wir es bequem haben. Ja! Es ist so! Und woher kriechen die ganzen Dummbrote, die die Kommentarspalten der Medien mit „Pfui, Gutmenschentum“ vollspammen? Wann ist es eigentlich verwerflich geworden, ein guter Mensch sein zu wollen? Habe ich irgendwas verpasst?

Manchmal muss ich aufpassen, nicht zurück in meine alte menschenverachtende Schockstarre zu verfallen. „Es ist doch völlig egal, ob ich darüber nachdenke oder es sein lasse… Ob ich für Frieden oder Kinderbetreuung oder clean Clothes demonstriere oder Zuhause einen Hackbraten in den Ofen schiebe. Die Menschheit ist schlecht und du wirst daran nichts ändern.“ Warum gehen wir denn auf die Straße? Warum engagieren wir uns im Kleinen? Ist es die naive Hoffnung, dass jedes kleine Rädchen große Maschinen zum Umlenken bringen kann? Oder tun wir’s am Ende nur für unser gutes Gefühl? Tun wir es aus Angst? Aus Verzweiflung? Aus Wut? Bei mir ist es wohl vor allem die Überzeugung, dass sich nur etwas bewegen kann, wenn viele kleine Rädchen sich in eine andere Richtung bewegen. Und ja… vielleicht auch die Hoffnung… zumindest im Kleinen… dass man selbst der Wandel sein muss, den man in der Welt sehen will (Gandhi).

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