05 – Fressen, Scheißen und Liebe

Fressen, Scheißen und Liebe

Es ist dieses „nur mal schnell“, was einen auf Dauer so porös macht. Das gilt sicher für so ziemlich jeden, der sich der hektischen Welt des 21. Jahrhunderts auf diese merkwürdige Art und Weise „angepasst“ hat. Mir, als nach wie vor frisches Mutterjungtier fällt es momentan wieder besonders auf:

Mit „nur mal schnell“ kommt man irgendwie zu nichts…

Also: Ich WILL mich eigentlich einfach mal wieder ans Klavier respektive Gitarre setzten. Mal hören, was noch so hängen geblieben ist. Davon etwas eigenes zu schreiben mal ganz abgesehen…

Ich MÜSSTE dringend mal die Kramigkeit in dieser Bude beseitigen, weil sie mir schon seit mehr als geraumer Zeit auf den Sack geht. Allerdings hat das mittlerweile diesen Zustand erreicht, indem man nicht mehr weiß, wo man eigentlich anfangen sollte. Also lieber gleich umziehen…

Ich SOLLTE mich ausgiebig mit meinem Kind beschäftigen und bin mir nie sicher. Rede ich jetzt genug mit ihr oder zählt die halbe Stunde „Lass mich jetzt einfach in Ruhe, Balg!“ in Gedanken und die halbherzigen Bespaßungsversuche dazu (die natürlich gründlichst schief gehen) schon als Vernachlässigung?? Wird sie davon nachhaltige Schäden bekommen? Wird ihr irgendwann einmal irgendein Typ in irgendeiner Praxis erzählen, dass er mittels tiefenpsychologischer Analyse herausgefunden hat, dass ihre Mutter sie nicht genug ge-was-auch-immert hat in Kindertagen? Und überhaupt: Wie viel Geduld muss ich mit dem verdammten Brei haben, wenn sie einfach nicht will? Sein lassen oder reinstopfen? Ist das dann schon die Wahl des Erziehungsstils? Und wohin mit dem NervNervNerv, wenn man eigentlich mal so gar keinen Bock hat auf das 300. Mal am Tag „TröstiTrösti-Auaweh“ (spricht das Mutter und denkt: LERN HALT LAUFEN!) oder „Eieiei, was hat sie denn, dutzidutzi, kommmalherduuudiemamaaaisjadaaaa“ (spricht das Mutter und denkt: LERN HALT SPRECHEN!).

Und SOLLTE MAN nicht wissen, was los ist in der Welt und zu allem eine a) durchdachte und vor allem b) richtige Meinung haben, die man dann aber auch (c) in jeder Lebenslage zu verteidigen wissen muss? (Nicht, dass wirklich jemand danach fragen würde… Im Allgemeinen geht das Interesse oft nicht über „Ey, isch hab dir jetzt och ofm Gesüchtsbuch, abor du hast meine Freundschaftsanfrage noch gor ni beantwortet!“ hinaus. Aber wenn doch mal wer kommen sollte, dann will man ja vorbereitet sein.)

Außerdem SOLLTE und MUSS man doch wissen, was war, ist und sein könnte. Man MUSS sich gesund ernähren, möglichst an 18 Tagen in der Woche sportlich sein („sich fit halten“). Natürlich always very lässig und smart (auch immer ein bisschen kosmopolit, aber nur nicht zu sehr raushängen lassen). Etwas erreicht haben oder wenigstens wissen, was man erreichen will. Und wie. Und belesen sein. Nur die GUTE Musik hören. Die Natur genießen. Sich auch mal um sich kümmern. Die Beziehung pflegen. Sich für die Probleme der Mitmenschen interessieren. Nur die guten Sachen kaufen. Sich nicht verarschen lassen. Das große Ganze im Kopf haben.

Also KÖNNTE ich ja auch mal schnell ins Internet oder in ein Buch und meinen Horizont erweitern. Nur mal schnell. Eine intellektuelle Zwischenmahlzeit gegen die Komplett-Verstumpfung zwischendurch…

Auf dem Weg zum Rechner stolpere ich über 3 Wäschehaufen, die verdreckte Küche und haufenweise Babyutensilien. Über mein, auf dem Boden spielendes Kind zum Glück nur fast. Nur schnell wegräumen, den Mist… Nur schnell den stinkenden Müll raus. Kind hat Hunger jetzt. Dann aber (nach dem Müll, der Wäsche, dem Abwasch…) wirklich ans Klavier. Ach nee… Kind will ja schlafen. Gut, dann Kind zum schlafen bringen jetzt. Dann aber echt mal der Horizont. Vorher aber noch schnell in die Dusche. Das muss ja auch mal. Dann aber wirklich mal „was Sinnvolles“. Auf dem Weg zum Bad nur mal schnell das hier wegräumen. Essen wäre gut jetzt. Nur schnell was für zwischendurch. Ach, der Brief… Und die Überweisung wollte ich noch. Den Aasgeiern vom Finanzamt noch widersprechen… Da fällt mir doch ein: Was für eine boise, boise, boise Welt! Ein paar negative Gedanken… So viel Zeit muss sein! Aber man soll sich ja nicht beklagen. Nicht mit dem Schicksal hadern. Wir sollen bescheiden sein. Und genügsam… Könnte uns ja viel schlimmer. Haben es doch eigentlich gut. Wir hier. Wenn man da nur mal bedenkt, dass… Wollte ich nicht dieses Buddhismus-Buch lesen? Aber erstmal abnehmen… Oh, Kind schreit. Dann später. Merke: Ja was eigentlich?

Das Kind versteht kein „ich muss nur mal schnell“. Dem Kind ist auch „das große Ganze“ ziemlich egal… Und das Klavier und die Wäsche und der Müll und dass wir alle nur ein Krümel im Universum sind… Das Kind ist eigentlich ein kleines egozentrisches Miststück.  Aber ihm wurden große Glubbschies und andere Niedlichkeitsattribute angeklebt, um uns das übersehen zu lassen. Vielleicht zeigt es uns aber auch einfach, worum es Am Ende eigentlich geht: Fressen, Scheißen und Liebe.

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