25 – Fernsehen

Ich stehe – wippe – auf meinem Trampolin und bewege langsam die Arme dazu. Auf und ab. Auf. Und ab. Dabei schaue ich aus dem Fenster, in den Händen meine beiden Fernbedienungen für die Glotze. Hantelersatz.

Ich schaue in die Ferne. Das geht gut, aus unserem Dachgeschoss im 4. bzw. 5. Stock. Ich lasse den Blick über die Häuserdächer schweifen… Über die Schornsteine, die mich aus irgendeinem Grund immer an Bilder englischer Städte zur Zeit der industriellen Revolution erinnern. Dach, Dach, Dach, etwas weiter hinten Baumspitzen, dieser Turm oder diese Esse, der oder die aussieht wie eine Spritze, der Kirchturm hinten am Kreuz und am Horizont – natürlich – das Braunkohlekraftwerk Lippendorf. Oh Lippendorf! Du verdammter Schandfleck meiner täglichen Aussicht, der du mich immer wieder zuverlässig an die Abgründe des Menschlichen erinnerst… Motorengeräusche und Vogelgezwitscher, Straßenbahnrauschen und der kühle Wind, der meinen Nacken umspielt. Das ist unser – das ist mein – Leben, heute, hier, jetzt. Natur und Kultur nebeneinander, gleichzeitig.

Diese Stadt ist voller Geschichte(n). Wenn ich bewusst hinschaue, dauert es nie lange, bis mir dieser Gedanke kommt. In seinem letzten Film hat T. das ziemlich gut eingefangen. Unter diesem Asphalt, da unten, sind viele Schichten anderer Straßen: Asphalt, Asphalt, Asphalt, dann Kopfsteinpflaster, Trampelpfade und schließlich vergangene Natur, Humus. Die Bäume da drüben in der Bernhard-Göring, die ich von hier aus sehen kann, waren schon lange vor mir da, schon lange vor den hässlichen 80er Jahre-Neubauhäusern, die jetzt hinter ihnen stehen. Wer weiß, welcher Mensch sich zu welcher Zeit einmal in ihrem Schatten vor der Sonne geschützt hat. Vor einigen Wochen haben sie eine ganze Reihe Bäume in dieser Straße herausgerissen. Um Platz zu machen, für… Ja, für was eigentlich? Noch mehr Wohnraum wahrscheinlich. Die Stadt wächst unaufhörlich, schreibt immer mehr Geschichte(n) – und verdrängt langsam Gewachsenes. Das ist der Lauf der Dinge. Und das ist, was und wie Mensch das heute so macht; wie wir uns „Platz schaffen“: Abholzen. Rausreißen. Wegbaggern. Zuschütten. Das können wir gut. Da wird sich nun jedenfalls niemand mehr vor der Sonne schützen.

Ich wippe immernoch, auf und ab. Ich habe die Fernbedienungen inzwischen abgelegt und bewege meine Hände mit. Auf. Und ab. Auf. Und ab. Ich traue mich, zunehmend größere Bewegungen mit den Armen zu machen. Auf. Und ab. Auf. Und ab. Und größere Sprünge dazu.

Die vielen, vielen Träume vom Fliegen… Die Sehnsucht danach, an die man sich, in dem Zustand, der allgemein „erwachsen“ genannt wird, wohl nur noch dunkel erinnern kann. Wenn man Kind ist, kann die Trauer und Verzweiflung darüber, nicht fliegen zu können – es niemals zu können – einen wirklich fertig machen. Wie? Es war nur ein Traum?!? WIE? Ich kann gar nicht fliegen?!? Niemals?! Tiefe Traurigkeit. Ähnlich enttäuschte Gefühle und Hoffnungen gibt es davon abgesehen vielleicht noch in Bezug auf’s Zaubern. Nein, ich werde nicht von einem geheimen Bahnsteig aus mit einer altertümlichen Dampfeisenbahn zu einem riesigen alten Gebäude, mit sich bewegenden Treppen fahren und nein, ich werde auch nicht in Zauberkunde unterrichtet werden. (Danke, J.K. Rowling, für jede Menge Herzschmerz in meiner Kindheit!)

Aber jetzt gerade ist all das gar nicht dran, denn ich schaue einfach nur fern – aus meinem Fenster. Ich schaue, spüre den Wind und bewege mich. Auf und ab. Auf. Und ab. Auf. Und ab. Auf. Und ab. Auf…

Und dann… fliege ich einfach aus meinem Fenster hinaus. Ich denke gar nicht darüber nach, ob das eventuell problematisch sein könnte. Ich tu’s einfach.

Über die Dächer des Hauses gegenüber hinweg. Über die Richard-Lehmann-Straße drüber, die Karli entlang, in Richtung Connewitzer Kreuz. Ich steige etwas höher, das Schlagen mit den Armen ist überraschenderweise gar nicht anstrengend. Ich gleite durch die wunderbar kühle Luft und fühle mich ganz leicht. Neben mir fliegen Spatzen und Krähen und Tauben. Sie wirken nicht irritiert. Seltsame Flugobjekte sind sie wohl schon längst gewohnt. Ich nicke ihnen unwillkürlich zu, so wie Straßenbahnfahrer_innen sich grüßen, wenn sie aneinander vorbei fahren und muss über mich selbst lachen. Natur. Und Kultur. Ich umfliege den Spritzenturm mehrfach, bekomme aber immer noch nicht heraus, was das eigentlich für ein Ding ist. Was ist sein Zweck? Fliege weiter zur Paul-Gerhard-Kirche in der Selneckerstraße. Fliegen ist tatsächlich genauso wunderbar, wie es in den Träumen wirkt. Freude und Leichtigkeit auch in meinem Bauch, ich will Juchzen, so großartig ist das! Keine Hindernisse, schnelles Fortkommen, das Gefühl der Schwerelosigkeit… Ich umfliege die Kirchturmspitze, halte mich mit schnellem Schlagen meiner Arme auf Höhe der Kirchturmuhr und betrachte sie ausgiebig aus nächster Nähe. Dann weiter, Richtung Wildpark, über den Auwald hinweg. Über mir rauscht ein Flugzeug, aber ich bin viel zu weit unten, als dass es mich stören könnte. Höchstens 30 bis 50 Meter über dem Boden, schätze ich. Ich sehe den Spielplatz, auf dem wir immer mit unseren Kindern sind, erstmals von oben. Sehe die Tiere und staune, wie groß das Areal insgesamt ist. Ich fliege weiter und weiter, bis zum Cospudener See. Am Nordstrand lande ich, meine Füße setzen sanft auf dem sandigen Untergrund auf. Ich schwanke etwas. Es fühlt sich seltsam an, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Mir ist schwummerig, so wie nach einer längeren Schifffahrt. Nachdem ich mich kurz gesammelt habe, laufe ich zum Steg. Ich gehe bis ganz nach vorn und setze mich hin. Lasse meine Füße im Wasser baumeln. Das Wasser ist ziemlich kalt, aber nach kurzer Zeit hat sich mein Körper – habe ich mich – an die Temperatur gewöhnt. Das Wasser ist weich, umspielt meine Füße. Plätschert etwas nach oben, ganz leichter Wellengang. Ich stell mir vor, ich sitz am Meer. Wenn man sich Lippendorf weg denkt, haut die Illusion fast hin. Ich beobachte die Segelboote und die bunten Windsurfsegel. Die Sonne schiebt sich durch die Wolken und blendet mich, ich halte mir die Hände vor’s Gesicht und blinzele nach oben. Dann stelle ich mich auf den Steg und springe hinein in das kühle Wasser. Ich tauche bis zum Grund, zusammen mit erstaunlich vielen kleinen Fischen. Bestaune die Algen und die Steine. Sehe allerlei Müll und nun die Rümpfe der Segelboote und Windsurfbretter. Das Glitzern der Sonne an der Wasseroberfläche. Natur und Kultur. Ich gleite durch das Wasser und auch hier fühle ich mich leicht, fast schwerelos – keine Hindernisse, einfach nur Gleiten… Ich steigere die Geschwindigkeit und schieße schnell durch den See. Links und rechts und links und rechts und schnelle Drehungen und scharfe Kurven. Das fetzt!

Nach einigen Runden habe ich genug. Ich will versuchen, aus dem Tauchen direkt in die Luft zu starten. Mein Herz rast. Wird das klappen? Kann das klappen? Wenn ich zu spät nach oben gehe, dürfte das – bei entsprechender Schnelligkeit – eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit werden, an den Steg zu knallen oder am Ufer im Sand zu landen. Bei zu wenig Tempo werde ich es aber nicht in die Luft schaffen. Was soll’s. Ich versuch’s  – ich tu’s – einfach! Ich schwimme zur einen Seite des Sees, Ecke Bistumshöhe, tauche los, gerade nach vorn, steigere die Geschwindigkeit, immer mehr, immer stärker, stärker, schneller, schneller, ich ziele dann in Richtung Wasseroberfläche… und… Es gelingt beim ersten Versuch. Das Gefühl ist fantastisch! Ich steige aus dem Wasser direkt in die Luft. Nach und nach trocknet der Wind mich, ich verringere die Geschwindigkeit und gleite entspannt umher. Der Puls sinkt, ich spüre meinen schweren Atem. Ich schaue mich um. Markkleeberg. Dieser hübsche kleine Park mit dem alten Wasserschloss und dem Adlertor vorm Equipagenweg – der „Keessche Park“. Die Stadt ist voller Geschichte(n)! Der Kleingartenverein, die alten Häuser und gegenüber die neu gebauten Wohn-Quader reicher Leute. Aller fünf Meter steht hier das selbe Inventar im Garten: Eine Schaukel. Ein Sandkasten. Ein Klettergerüst mit Rutsche. Dazwischen dicke Mauern aus Beton. Aus der Luft betrachtet wird die Absurdität dessen so offensichtlich… Die Kinder könnten ja miteinander in Kontakt kommen! Wo komm’wa denn da hin?!? Und welche Versicherung haftet, wenn dann was passiert? Nee, nee, nee… Hier macht mal jeder schön seins! Unsere individualisierte, anonyme, vorrangig an Sicherheit und Kontrolle orientierte  Lebensweise ist eine verdammte Seuche und sie treibt Blüten, die bei Licht – oder von oben – gesehen so merkwürdig und abstrus sind, dass es eigentlich unvorstellbar ist, dass Mensch das nicht irgendwann mal mitkriegt und einfach immer so weiter macht. Aber so ist es.

Eine Gruppe Vögel zieht an mir vorbei, Dreiecksformation. Wohin sie wohl fliegen? Gern würde ich sie verfolgen, um das herauszukriegen… Aber es zieht mich zurück nach Hause. Ich gleite über der Koburger Straße, über der Wolfgang-Heinze, vorbei am Spielplatz Herderplatz mit der Rollenrutsche, die t. so sehr liebt, bis zum Kreuz mit der immer noch merkwürdigen REWE-Mall, die Karli entlang, in die Kantstraße und zurück zu meinem Fenster. Ich halte noch einen Moment lang in der Luft vor meinem Zimmer inne, schaue noch einmal zurück, bis nach Lippendorf und dann von außen nach innen in mein Zimmer. Was für eine abgefahrene Perspektive! Dann fliege ich hinein und setze meine Füße auf dem Laminat-Fußboden ab, der mir plötzlich seltsam steril vorkommt. Wieder kurzes schwanken, orientieren, ankommen…

Ich lasse mich auf meinen roten Schwingsessel fallen, sinke tief in ihn hinein, genieße die nun wieder erfahrbare Schwerkraft und spüre deutlich, wie anstrengend der Ausflug für meinen Körper letztlich doch war. Die Muskelanspannung lässt nach, ich schaue auf die Uhr: Fast zwei Stunden war ich unterwegs. Verrückt! Die Zeit verging – ha! – wie im Flug! Ich muss grinsen über dieses dämliche Wortspiel.

Ich höre die Treppe knarzen. K. kommt von unten nach oben, in mein Zimmer hinein, sieht mich im Sessel sitzen, schwer atmend, irgendwie perplex und überwältigt, vor mich hin starrend.

„Vic?! Ist alles in Ordnung bei dir?“

„Hmhm… Sag mal: Hast du eigentlich als Kind auch so oft vom Fliegen geträumt?“

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